Junge
Antigone
Ismene
Im Herbst 2003 haben wir über einen Zeitraum von drei Monaten mit 6 chinesischen StudentInnen aus Frankfurt auf der Grundlage der deutschen Willige-Übertragung von Antigone jeweils zweimal die Woche strikte Einzelproben durchgeführt, ohne den jeweiligen „Dialog“-partner, d.h. jede(r) kannte nur die eigenen Passagen sowie die Einsatzpunkte. Die Texte wurden gelesen und diskutiert, immer wieder zusammengeworfen mit anderen Texten, Bildern, Assoziationen usw.
Mimetisches Begehren wurde weitestmöglich unterlaufen, die fremde Sprache schrieb sich in die Körper ein, Differenzen blieben erhalten.
Die sechs Darsteller / Performer waren im gesamten Raum einer Offenbacher Messehalle verteilt, ständig präsent, ihren jeweiligen Domains zugeordnet - reduzierte Bewegungen, kein Kontakt untereinander.  Den einzelnen Personae wurden einzelne Objekte zugeordnet (bspw. Kreon – Stuhl, Pavillon, Lampe, Zigarette; Teiresias – Puppe; Haimon – Fahrrad). Ständige Soundkulisse (Simon Schäfer, Circuit Bending), die elektronisch verstärkten Texte waren nur an bestimmten, wechselnden Plätzen verständlich, die eine permanente Perspektivveränderung der Zuschauer erforderten.
Personae funktionieren in der sophokleischen Tragödie als Arten des Meinens, das Subjekt konstituiert sich als Frage, Gesetz der divergierenden Serien statt Synthese des Ironikers, auf allen Ebenen. Wir lasen die Tragödie als topologische, die griechische Sprache arbeitet sich sezierend und präzise wie die westliche Chirurgie voran, Partizipalkonstruktionen, Bindewörter, Pronomen jedweder Art usw. knüpfen das Gewebe, welches Aoristformen im einmaligen Aufblitzen durchschiessen.
Haimon
"Ich habe China gewählt, weil ich aus der indo-europäischen Welt und den historischen Bezügen herauskommen wollte; gleichzeitig brauchte ich ein ebenso klar formuliertes und kommentiertes Denken wie das griechische: [...]

Es ging mir darum, ins Spiel zu bringen, was Foucault zu Beginn der Ordnung der Dinge eine „Heterotopie“ nennt [...]

Daher hat mein Umweg über China nichts mit Sehnsucht nach Exotik zu tun, es ist mehr eine Frage der Methode. Die Methode, das Denken den Ort wechseln zu lassen, um andere Arten der Intelligibilität zu berücksichtigen, um durch einen Umkehreffekt die Ausgangsbedingungen der europäischen Vernunft zu hinterfragen."

Francois Jullien

Performer: Sijia Liu, Zhiqi Xie, Tian Xia, Feifei Li, Haijie Hu, Weian Xiang

Regie: Tobias Rosenberger;
Raum: Kriss Merken; Sound: Simon Schäfer; Licht: Christian Flierl

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Antigone

"Ein französischer Garten wird für schön gehalten, weil man ihn, wenn man vor ihm steht, als ein Gemälde betrachtet, wie ein Panorama. Aber ein chinesischer Garten kann nicht >>schön<< genannt werden (es sei denn, äußerstenfalls, nachdem man ihn verlassen hat und ihn im Geiste wieder zusammenfügt), denn eine synthetische Wahrnehmung ist nicht möglich; er lässt sich erst im Spaziergang nach und nach entdecken, im Verlauf eines Weges, auf dem sich kontrastierende und kompensierende Standpunkte abwechseln. Der Garten erfordert keine Ansicht, sondern eine Bewegung, die den Geist erfrischt."

Francois Jullien